· 

Warum alles immer relativ ist - nicht nur in der Physik!

Sicher haben Sie in Schulzeiten mal vom Relativitätsprinzip gehört, möglicherweise sogar die Lektüre von Bertolt Brecht über das Leben des Galilei gelesen oder Sie denken bei der Überschrift dieses Blogartikels an den Titelsong der Kinderserie "Schloss Einstein"? Alles ist relativ. Wir verwenden das Wort "relativ" in unserer Alltagssprache relativ häufig, um zum Beispiel auszudrücken, was wir relativ normal finden oder was uns relativ egal ist. 

 

Der Ausdruck "Alles ist relativ" basiert auf dem Relativitätsprinzip des Physikers Galileo Galilei. Ausgehend von physikalischen Größen, Zusammenhängen und Eigenschaften stellte Galilei im Jahre 1632 die These auf, dass Antworten auf bestimmte Fragestellungen von der Beobachterperspektive und der Wahl der Bezugssysteme abhängig sind und nicht pauschal als absolut dargestellt werden können.

Die seinerzeit umstrittene Frage lautete: Befindet sich eine Kugel an Bord eines fahrenden Schiffes in Ruhe oder in Bewegung? Galilei kam zu der Schlussfolgerung, dass jemand, der sich an Bord des Schiffes befindet, die Kugel in Ruhe wahrnimmt, jemand, der aber am Ufer steht, die Kugel mit dem Schiff in Bewegung sieht. 

Ob die Kugel sich bewegt oder nicht, ist also relativ - abhängig von der Beobachterperspektive und dem Bezugssystem. Albert Einstein entwickelte diese Erkenntnisse in seiner Relativitätstheorie Anfang des 20. Jahrhunderts weiter und lieferte somit wichtige Erkenntnisse zum Beispiel für die Elektrodynamik. 

 

Unabhängig von der Physik und den grundlegenden Fragestellungen, auf denen diese Theorie basiert, ist das Relativitätsprinzip auch in unserem Alltag jederzeit präsent, denn wir neigen dazu, Situationen, Entwicklungen oder auch andere Menschen und uns selbst zu bewerten und miteinander zu vergleichen. Wir setzen Dinge und Menschen ins Verhältnis, sozusagen in Relation zueinander, und bilden auf Grundlage dieser Vergleiche Kategorien, die unsere individuelle Ordnung herstellen. Der Maßstab, den wir für unsere Vergleiche und Bewertungen nehmen, basiert auf unseren persönlichen Erfahrungen und auch auf unserem Wissen. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns mal die Kategorie Alter anschauen: Ob wir jemanden als alt oder jung bezeichnen, hängt von unserer Perspektive ab. Ähnlich ist es bei weiteren einfachen Kategorien wie dick oder dünn, groß oder klein, arm oder reich...

 

Und dann passieren manchmal Dinge, die dazu führen, dass sich unsere Kategorien ganz neu ordnen. Die dazu führen, dass wir plötzlich einen anderen Maßstab anlegen. Die uns die Perspektive wechseln und den Bezugsrahmen neu bestimmen lassen. Ein Beispiel dafür ist sicher die Corona-Krise: Die einen haben die Entbehrungen der Dinge, die über lange Zeit nicht mehr möglich waren, als besonders schmerzlich erfahren und ihnen eine neue Wertschätzung entgegengebracht. Andere spürten plötzlich eine tiefe Dankbarkeit für den sicheren Job, der vielleicht manchmal etwas nervt, aber im Großen und Ganzen doch relativ gut ist. Wieder andere besannen sich auf ihre Gesundheit, wo sie doch sonst auch manchmal hier und da Schmerzen, aber eigentlich - also relativ gesehen - keinen Grund zur Klage haben. 

Tja, und kaum haben wir wieder etwas echtes Leben durch die Lockerungen der Corona-Maßnahmen in den letzten Wochen spüren dürfen, kommt das nächste Brett: Unwetterkatastrophe in vielen Regionen Deutschlands. Wieder hält für einen Moment das Karussell des Lebens an. Und wieder sortieren wir neu:  "Dagegen geht es mir ja noch relativ gut" oder "Verglichen mit dem, was da passiert ist, sind wir noch relativ gut durch die Krise gekommen".  

Alles im Leben ist relativ. Wir allein entscheiden darüber, welchen Maßstab wir anlegen, in welchen Kategorien wir denken und handeln und mit wem oder was wir uns und unser Leben vergleichen! Manchmal kann es hilfreich sein, das scheinbar Unerreichbare zu fokussieren, um sich selbst zu motivieren. Aber manchmal hilft es auch, die Augen darauf zu richten, wer man bereits ist und was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Es ist eben alles relativ!   

 

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen relativ ruhigen Sommer, so ruhig oder turbulent, wie Sie es eben mögen!